|
Die Aidis
Im Atlasgebirge sind uns die frei lebenden Hunde aufgefallen. Wir bemerkten, daß sie alle gleich aussehen, nur unterschiedliche Farben haben. Wir haben sie "kleine Atlas-Wölfe" genannt. Als wir dann eine alte Briefmarke entdeckten, auf denen einer dieser Hunde vor dem Hintergrund der Zedernwälder gezeigt wird, und so erfuhren, daß es sich um eine anerkannte Rasse handelt, waren wir nicht sehr überrascht.
Die Aidis, wie die Berber-Nomaden sie nennen, sind beim FCI als eine der ältesten Herdenschutzhundrassen der Welt eingetragen. Ihr Ursprung wird in Kleinasien vermutet, von wo sie mit den ziehenden Nomaden und deren Herden in den Nordafrikanischen Raum gekommen sein sollen.
Sie sind keine gezüchtete Rasse! In Jahrhunderten haben die Lebensumstände sie so werden lassen, wie sie heute sind. Sie sind eine Urform des Hundes - in ihrer physischen Erscheinung wie in ihren Instinkten. Hier sei bemerkt, daß die Bezeichnung "Aidi" nichts anderes als "Hund" heißt in der direkten Übersetzung aus der Sprache der Berber. Man hat also einen Standard für die Rasse "Hund" festgelegt - somit sind sie alle "echt" - nämlich echte Hunde!
Man sieht sie in vielen Farben, sie sind mittelgroß und haben ein dichtes Fell mit Unterpelz. Dieses Fell schützt sie vor extremer Kälte und Hitze gleich gut. Das Fell verfilzt nicht und läßt Nässe und Schmutz abperlen. Die Gesichter, die ein bärenartiges Aussehen haben, sind immer extrem kurzhaarig, ebenso die Läufe. Zwischen den Ballen der Pfoten wächst ein wenig Fell, welches nicht verklettet. Ein Fellwechsel findet nicht ständig statt sondern Jahreszeiten abhängig. Der Aidi ist perfekt an seine Lebensumstände angepaßt - ein selbstreinigendes Model der Natur. Sie sind mittelgroß mit einer Schulterhöhe von 45-65 cm und einem Gewicht von 25-35 kg. Die Rüden sind meist größer und kräftiger als die Hündinnen.
Die Aidis ziehen seit Ewigkeiten mit den Herden und schützen diese durch ihre Wachsamkeit. Sie sind nicht als Hirtenhunde ausgebildet worden, so wie wir es in Europa kennen. Sie werden nicht gefüttert, erhalten aber Essensreste und Knochen. Dies veranlaßt sie, in der Nähe der Menschen zu bleiben. Fremde und Raubtiere werden gemeldet und die Herde wird auch mutig verteidigt. Früher gab es in Nordafrika noch Luchse und Schakale, denen die Aidis durchaus gewachsen waren. In der heutigen Zeit wird ihre Wachsamkeit als Schutz vor Diebstahl geschätzt.
Sie ernähren sich von Kleingetier wie Kaninchen, Echsen, Fröschen, Mäusen, Eiern und Küken der Bodenbrütern. Wir haben sogar besonders geschickte Tiere beim erfolgreichen Fischfang im flachen Bach beobachtet.
Man sieht bei den ziehenden Nomaden meist nur Rüden. Die Hündinen werfen zweimal im Jahr und können nicht mitziehen. Sie bleiben bei ihren Jungen, die sie in Erdhöhlen oder anderen guten Verstecken ablegen.
Die Natur ist in unseren Augen grausam, denn sie selektiert, ohne auf das Individuum zu achten. Für den Fortbestand einer Art werden nur die Stärksten und Intelligentesten sorgen!
In einem Wurf sind zwischen 6 bis 12 Junge. Das Muttertier übersteht die ersten zwei Wochen mit den Jungen noch recht gut. In dieser Zeit gehen aber bei großen Würfen bereits die ersten Welpen ein, naturgemäß die kleinsten und schwächsten. Wenn die Welpen im Alter von vier Wochen beginnen, ihre Umwelt zu erkunden, fallen einige Raubtieren und Greifvögeln zum Opfer, andere verunglücken, einige gehen an zu starkem Wurm- und Zeckenberfall ein. Am Ende von acht bis zwölf Wochen bleiben nur wenige Exmplare, deren Fortleben auch noch nicht gesichert ist. Die schwierigste Phase beginnt für den Junghund, wenn er mit fünf bis sechs Monaten auf sich allein gestellt ist.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Muttertier bereits wieder tragend. Nach unseren Einschätzungen und Beobachtungen hat eine Hündin unter diesen Bedingungen eine Lebenserwartung von höchstens zwei bis drei Jahren. Die Rüden haben es wesentlich einfacher, weil sie nur für sich selbst sorgen müssen. Wir wissen inzwischen, daß Aidis, die als versorgter Famillienhund gehalten werden, ein ausgesprochen hohes Lebensalter von 15- 18 Jahren erreichen können.
Wir sehen die Aidis in Marokko in ihrem natürlichen Bestand bedroht. Marokko entwickelt sich rasant. Der Straßenbau wird mit bemerkenswertem Einsatz vorangetrieben und bringt die moderne Welt selbst in entlegene Winkel des Landes. Kaum sind bislang autarke Siedlungen an die Stromversorgung angeschlossen, sind auf vielen Dächern der Lehmhütten die Satellitenschüsseln angebracht - die große Normwelt beginnt einzuziehen. Schnell folgt der Tourismus - und der wünscht keine nächtlich heulenden Hunde. Sie werden abgeschossen oder vergiftet in groß angelegten Aktionen, die behördlich angeordnet und durchgeführt werden. Man kann davon ausgehen, daß die Aidis nicht mehr lange in freier Wildbahn zu beobachten sind. Es kommt hinzu, daß sich in Marokko die modischen Rassen der europäischen Haushunde großer Beliebtheit erfreuen und importiert werden. Wenige Marokkaner schätzen die Vorzüge der Aidis oder wissen gar um sie.
Diese Hunde sind frei von gesundheitlichen Erblasten. Ihr Sozialverhalten ist artgerecht gut geprägt - echte Hunde im wahrsten Sinne des Wortes!
Der Aidi eignet sich als Begleithund. Er ist von Natur aus wachsam und mißtrauisch Fremden gegenüber. Sein Jagdtrieb ist ausgeglichen, wobei er eher stöbert als auf Sicht jagt. Er ist äußerst anpassungsfähig und läßt sich als heranwachsender Hund gezielt durch die Erziehung lenken, je nachdem, ob man ihn auch als Wachhund einsetzen will oder ausschließlich seine Gesellschaft sucht. So kann man sich seinen Argwohn Fremden gegenüber zu Nutze machen oder aber beschwichtigen, in dem man ihm Kontakt zu vielen Fremden ermöglicht. Er benötigt nichts Ausgefallenes - weder viel Platz noch viel Auslauf -, aber er will beschäftigt sein und etwas erleben. Er ist zufrieden und ausgeglichen, wenn er teilhaben kann am Geschehen, und somit seine natürliche Lebensweise als Rudelmitglied berücksichtigt ist. Dabeisein ist alles für diesen Hund!
Wir möchten die "kleinen Atlas-Wölfe" nicht verändern. Wir werden unsere Aidis keinen Zuchtvorschriften unterwerfen. So lange die Entwicklung im Lande es noch ermöglicht, werden wir diesen Hund sich selbst entwickeln lassen - so wie es seit Jahrhunderten geschieht. Wenn dann der Wild-Aidi eines Tages nicht mehr vorzufinden sein wird, hoffen wir darauf, ihn weit genug verbreitet zu haben, um seinen Fortbestand zumindest als Haushund gesichert zu haben.
Wir werden den Aidi auf einer Farm im Atlas züchten und unsere Hündinnen in Deutschland werfen lassen, um dem Nachwuchs eine Einreise zu ermöglichen. Hier können Sie dann einen Welpen im Alter ab acht Wochen für sich auswählen.
In einigen Monaten werden wir auch die Möglichkeit haben, Sie auf unserer Farm als Gast im Urlaub zu begrüßen. Bei uns können Sie in Ruhe den Aidi in seinem natürlichen Lebensraum beobachten und kennenlernen.
Schauen Sie wieder herein bei uns - sobald unser Vorhaben vollendet ist, stellen wir unsere Farm auf diesen Seiten vor.

|